Boris Giltburg | Rachmaninoff: Piano Concerto No. 3

Boris Giltburg | Rachmaninoff: Piano Concerto No. 3

Die jüngere Aufführungsgeschichte von Rachmaninows drittem Klavierkonzert leidet noch immer unter den unseligen Nachwehen der trostlosen und schamlos vermarkteten Geschichte David Helfgotts. Seitdem haftet dem 1909 entstandenen Werk der Nimbus des Gefährlichen und Unspielbaren an.

Nun ist das Stück gewiss eines der komplexesten des Repertoires, aber das zweite Konzert Bartóks ist viel schwerer, und es gibt erfahrene Pianisten, die auch Rachmaninows c-Moll-Konzert für technisch heikler halten. Aber der pianistenverzehrende Ruf des so unangenehm kollegial „Rach 3“ genannten Werkes hat in den vergangenen Jahrzehnten eine billig-effekthascherische Deutungshaltung begünstigt – man hat dem Publikum das ersehnte Spektakel halt liefern wollen. Zwei Neuaufnahmen weisen dem lyrischen Opus sehr unterschiedliche Wege aus dieser Rezeptionssackgasse.

Michael Korstick zeigt die thematische Dichte des Stoffes, schmiedet sozusagen eine ekstatisch-gleißende Werkgestalt, der nichts Schwelgerisches, Ornamentales geblieben ist. Mit fiebrigem Drang stürzt er sich in den Solopart, der aufnahmetechnisch stark im Vordergrund steht. In der Più-mosso-Sektion, in der der Solist das ins Orchester abgewanderte Thema umspielt, treibt er die Janáček Philharmonie unter Dmitry Liss regelrecht vor sich her. Überleitungsepisoden und dichte kontrapunktische Passagen – etwa in der Durchführung – sind von höchster Transparenz und Emphase. Mit geradezu didaktischem Furor versucht Korstick jedes Detail in einer schmerzhaften Klarheit auszuformulieren. So kennen wir ihn schon seit seinem Beethoven-Zyklus. Wir sollen begreifen, dass es in diesem Konzert trotz der vielen Töne wenig Beiläufiges gibt. Auf die Übergänge und kleinen Kadenzen, die die Variationsepisoden des langsamen Satzes verknüpfen, stürzt er sich, als seien das Sprungbretter in motorisch immer aufgeladenere Entwicklungsstadien.

Auch die b-Moll-Sonate gibt er als fiebrigen Reißer, in der Coda des Finales grenzgängerisch entfesselt, aber so expressiv und uneitel, dass man nie auf den Gedanken kommen würde, hier ein Echo selbstdarstellerischen Klavierlöwentums zu vernehmen.

Boris Giltburg nähert sich mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Carlos Miguel Prieto dem Werk aus ganz anderer Richtung. Er kultiviert Lyrismus, Klangkultur und eine neben Korstick zunächst fast betulich wirkende, virtuose Effekte dämpfende Deutlichkeit, um das Werk von billiger Überwältigungsrhetorik zu reinigen. Vom ersten Takt an wird der Vorwärtszug nachdenklich gebremst, wird aussingend innegehalten. Die Veloce-Kadenz, mit der das erste Themenfeld endet, fällt rasch in ein murmelndes Mezzoforte zurück. Korstick lässt hier ein regelrechtes Feuerwerk los.

Die Espressivo-Episode, in der das Seitenthema dem Solisten allein gehört, bei Korstick ein nervös bebendes kontrapunktisches Gewebe, ist unter Giltburgs Händen ein stiller Traum, der nichts ahnt von den Aufwerfungen der Durchführung. Mit unerhörter Klangkontrolle liest er die lyrischen Schönheiten am Wege auf und riskiert, dramatische Entwicklungen fast zum Stillstand zu bringen. Dafür hört man eben Dinge, die Korstick nicht heraushebt, weil sie seinen motorischen Furor allzu stark bremsen würden. So zeigt uns Giltburg in der locker hingeworfenen Leggiero-Variation des langsamen Satzes, dass Rachmaninow das Hauptthema des ersten Satzes in der linken Hand eingeflochten hat. Ein winziger Beleg für die allgegenwärtige, kaum fassbare kompositorische Dichte des Stückes. Aber auch ein Beispiel, dass man seine Komplexität nicht ohne Abstriche hörbar machen kann. Wer solche Kleinfunde heraushebt, ist vielleicht manchmal zu versonnen, die berauschend-entfesselte Seite des Werkes nachzubilden. So braucht es also mindestens zwei Interpreten dieses Formats, um die Größe des hier wunderbar rehabilitierten Konzerts zu erahnen.

Matthias Kornemann

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Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 3, Corelli-Variationen; Boris Giltburg, Royal Scottish National Orchestra, Carlos Miguel Prieto (2018); Naxos

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