Boris Giltburg | Liszt: Piano Works

Boris Giltburg | Liszt: Piano Works

Zwar sind Liszts Transzendentaletüden im Kern teuflisch schwere und überaus klug erdachte Übungen, doch jenseits dieser primären Funktion liegt ein transzendentes poetisches Reich, das seit den Tagen von Arrau und Berman nur selten betreten wurde. Längst sind diese Stücke zum Zirkusstoff abgesunken, mit dem eine globalisiert-hochgezüchtete Wettbewerbselite ihre Technik vorführen kann, schnell, laut und fad. Doch erst jenseits der Kämpfe mit der Materie fängt diese Musik zu singen an. Bei Boris Giltburg ist es endlich einmal wieder so weit.


Manchmal sind bloße Tempi verräterische Indikatoren gestalterischer Reife. Der maßlos überschätzte Daniil Trifonov reißt die „Feux follets“ – für die meisten Hände die schwierigste der Etüden – in dreieinhalb Minuten herunter. Rasant, akkurat und totlangweilig. Giltburg nimmt sich eine glatte Minute mehr! Er muss gar nicht zeigen, wie schnell er die kniffligsten beiden Durchgänge des Themas spielen kann. So gelassen und leichtgewichtig nimmt er sie, dass man bei einem Geringeren denken könnte, er poetisiere, um seine Grenzen zu bemänteln. Ein Künstler seines Formats beweist damit nur, dass sein Gestalten von virtuosem Repräsentationsbedürfnis geläutert ist und ganz und gar musikalischen Gesetzen folgt. So hören wir keine imposante Studie, sondern eine farbig flackernde, bezaubernd entmaterialisierte Tondichtung.
Diese Befreiung des poetischen Gehaltes von den Fesseln athletischer Selbstdarstellung prägt den ganzen Zyklus, der von notorischen Manierismen ziemlich gereinigt ist. Da begegnen uns keine hohl-rhetorischen Verzerrungen am Anfang der „Wilden Jagd“, kein billiges Losrasseln, wo es viel schwerer klingt, als es ist (f-Moll-Etüde), und die„Mazeppa“ wird bei aller packenden Steigerungsdramaturgie nicht zum Angriff auf den schönen Fazioli-Flügel.

Matthias Kornemann 

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Musik:
4,50
Klang:
4,50

Liszt: Études d’exécution transcendante, Rigoletto-Paraphrase; Boris Giltburg (2018); Naxos

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