So voll wie auf diesem Foto war die Arena bei der besuchten Vorstellung leider nicht. Foto: Ennevi, Courtesy of Fondazione Arena di Verona
So voll wie auf diesem Foto war die Arena bei der besuchten Vorstellung leider nicht. Foto: Ennevi, Courtesy of Fondazione Arena di Verona

Auge und Ohr in Verona

Die Faszination hält an: Die Arena von Verona bleibt auch in ihrer 96. Spielzeit ein Ort, an dem Opernträume wahr werden und zugleich deren Schnittstellen mit der Realität offenbar werden. Ein persönlicher Erlebnisbericht von Johannes Schmitz.

So voll wie auf dem Foto oben waren die teuren Plätze im ebenerdigen Parkett bei weitem nicht gefüllt, als ich die Arena besuchte. Auf den von der Sonne angenehm gewärmten Steinstufen aber saßen die Schau- und Hörlustigen lückenlos zusammen. Nicht zu dicht gedrängt, aber doch verbunden zu einer großen Gruppe von Menschen, vom kleinen Kind bis zum in Würde ergrauten Opernenthusiasten. Ein im Durchschnitt eher junges Opernpublikum, so schien mir. Eine Gesellschaft jedenfalls, in der ich mich sehr wohl fühlte.

Ein wunderbarer Sommerabend Mitte Juli. Die Abenddämmerung setzt ein und damit auch das Vorspiel zu Verdis Aida, der Verona-Oper schlechthin. Elefanten bleiben einem zum Glück erspart. Dafür aber setzt in meiner Umgebung mit dem Vorspiel eine Zikade ein und hält bis weit in den ersten Akt unerbittlich Stellung gegen Metrum und Rhythmus von Verdis Musik.

Diese wird unüberhörbar von erstklassigen Musikern dargeboten. Und was Dirigent Daniel Oren an Präzision und Differenziertheit aus dem Graben in das weite Rund zu transportieren versteht, ist faszinierend. Ebenso wie sein doppeltes Schattenbild, das in zwei Lichtkegeln zwischen dem Orchestergraben und dem Parkett zu sehen ist. Der Dirigent als Doppelwesen. Und das muss er ja auch sein in Verona. Einerseits der kompetente und leidenschaftliche Sachverwalter des Komponistenwillens, andererseits der Praktiker, der genau weiß, wie das große Orchester inklusive der im Bühnenaufbau und etwa im Triumphmarsch am Bühnenrand postierten zusätzlichen Blechbläser, die gefühlt rund 150 Chorsänger und natürlich die Solisten zusammen gehalten werden können. Wie Oren das am Abend der besuchten Vorstellung gelingt, ist beeindruckend. Und noch mehr: Es ist bewegend. Es macht erlebbar, dass der größte Opernzirkus der Welt Sinn geben kann.

Musikalisch ist es ein beglückender Abend, nimmt man den etwas kraftmeierischen Radames des Tenors Carlo Ventre einmal aus. Maria José Siri ist eine ideale Aida, groß, strahlend und zugleich weich klingt ihre Stimme, die sie höchst musikalisch gestaltend einsetzt. Ebenfalls Weltklasse ist Violeta Urmana als Amneris, die ihren mächtigen Mezzosopran absolut im Griff hat und schlank führt. Auch Bariton Ambrogio Maestri ist erste Wahl, kernig, präsent und zugleich elegant legt er den Amonasro an. Für die hohe Qualität des Ensembles sprechen auch die beiden Bässe In Sung Sim (Ramfis) und Romano Dal Zovo (König), die nicht poltern, sondern sonor aussingen. Ein Genuss!

Und doch: Den größten und nachhaltigsten Eindruck macht die große Triumphszene auf mich. Da sträubt sich der analytisch-distanzierte Kritikergeist. Aber die erfüllte Sehnsucht des Opernträumers ist größer. Seitlich, fast auf Höhe des Orchestergrabens im oberen Bereich der Arena sitzend, weicht die Entfernung zum Geschehen der verrückten und intimen Liebe zur Oper. Und auch hier gilt es wieder die Perfektion zu loben, mit der die Musik realisiert wird. Und, das sei gerne zugegeben, die schiere Menge an Menschen, die ja alle auch für die Liebe zur Oper da unten stehen, beeindruckt. Natürlich mahnt eine innere Stimme immer wieder zur ironischen Brechung der bloßen Faszination. Ich lächle innerlich, aber denke ihr zu: später. 

Nach dem Erlebten tue ich das Unfassbare. Aus Angst, aus meinem Begeisterungstaumel gerissen zu werden? Aus Angst, alles erlebt zu haben, gedanklich einen Haken an die Sache zu machen, ein Kapitel meines Lebens zu schließen? Jedenfalls kehre ich nach der Pause nicht in die Arena zurück. Jetzt kommen die intimen Passagen, die wunderbare Nilszene, das Gericht über Radames, das in den Nachthimmel steigende Finale über die Möglichkeit der Liebe, die den Tod überdauern mag.

Ich setze mich zu Füßen der Arena auf die Piazza - in der irrigen Annahme, ich könnte von dort wie aus traumhafter Ferne die letzten beiden Akte erleben, als rein akustischen Vermittlungsakt zwischen den höchsten Glücksgefühlen des Opernzaubers und dem Leben außerhalb dieser Traumwelt. Ha! Der Himmel über der Arena öffnete sich nicht und lässt keinen Laut entweichen. Ich bestelle Aperol. Und weiß: Ich muss wiederkommen. Der Traum ist noch nicht ausgeträumt.

Zur Übersicht